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Gleichstellungsausschuss

Genitalverstümmelung

Anfrage der Ratsfraktion DIE LINKE.Düsseldorf zur Sitzung des Gleichstellungsausschusses am 12. September 2017: Weibliche Genitalverstümmelung stellt eine massive Menschenrechtsverletzung dar. Definiert wird diese als die teilweise oder totale Entfernung oder sonstige Verletzung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen. Dennoch wird in über 30 Ländern weltweit dieser Ritus noch ausgeübt, so dass immer noch viele Mädchen und junge Frauen von dieser Menschenrechtsverletzung, auch Female Genital Mutilation/Cutting genannt, betroffen sind. Dem Kinderhilfswerk UNICEF zufolge handelt es sich dabei weltweit um mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen. 

In einer Pressemitteilung vom 18.07.2017 der Menschenrechtsorganisation für Frauen „TERRE DES FEMMES“ heißt es: „In Deutschland leben immer mehr Mädchen und Frauen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Aktuell sind es mehr als 58.000 Frauen und darüber hinaus sind mindestens 13.000 Mädchen gefährdet. Damit ist die Zahl der betroffenen Frauen gegenüber 2016 um 10.000 gestiegen, die der gefährdeten Mädchen um 4.000.“ Eine der Kernforderung von „TERRE DES FEMMES“ ist eine Verstärkung der Aufklärungsarbeit und einen besseren Schutz von Mädchen. 

DIE LINKE. Ratsfraktion Düsseldorf fragt an:

1.Gibt es Erkenntnisse für Düsseldorf über Mädchen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind und über Frauen, die davon betroffen sind?

2. Welche konkreten Aufklärungs- und Hilfsangebote gibt es in Düsseldorf für Mädchen und Frauen und in welchen Sprachen werden diese angeboten? Falls keine angeboten werden, warum nicht?   

3. Ist vorgesehen, die Aufklärungsarbeit in diesem Bereich zu erweitern?

Mit freundlichen Grüßen 

Petra Müller-Gehl                   Angelika Kraft-Dlangamandla                  Cornelia Schlemper          

 

Antwort der Verwaltung am 12.09.2017 (Oberbürgermeister Geisel)

Die Beantwortung der Fragen erfolgt seitens des Gesundheits- und Jungendamtes, der Vereine stop mutilation e.V. und Aktion Weißes Friedensband e.V..

zu Frage 1:
Gesundheits- und Jugendamt:
Antwort:

Eine aktuell durchgeführte Abfrage bei verschiedenen Beratungsstellen,
verschiedenen Sachgebieten des Gesundheitsamts, dem Jugendamt, der Ärztekammer Nordrhein sowie bei den Flüchtlingsunterkünften betreuenden Verbänden ergab, dass Beratungskontakte zu betroffenen Frauen und Mädchen bestehen. Da dies von den verschiedenen Einrichtungen nicht einheitlich statistisch erfasst wird, lässt sich in Bezug auf die Anzahl der betroffenen Mädchen und Frauen in Düsseldorf keine Aussage treffen. Insgesamt ist festzustellen, dass das Thema von Seiten der betroffenen Mädchen und Frauen häufig tabuisiert wird und deshalb von einer gewissen Dunkelziffer auszugehen ist.

Der Verein stop mutilation e.V. nimmt wie folgt Stellung:
Antwort:

In unserer Beratungsstelle in Düsseldorf beraten wir betroffene Frauen und gefährdete Mädchen, die in Düsseldorf leben, aber auch aus anderen Städten in Nordrhein-Westfalen. Konkrete Zahlen, wie viele betroffene Frauen und bedrohte Mädchen es in Düsseldorf gibt, haben wir nicht.
Nach einer aktuellen Studie von INTEGRA, dem deutschen Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung, ist die Zahl der betroffenen Frauen und gefährdeten Mädchen in Deutschland von Ende 2014 bis Mitte 2016 um fast 30 Prozent gestiegen. Die fünf Hauptherkunftsländer sind: Ägypten, Äthiopien, Eritrea, Irak und Somalia. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Betroffenen auch in Düsseldorf zugenommen hat.
Nach Angaben der Flüchtlingsbeauftragten der Landeshauptstadt Düsseldorf wurden zum Stichtag 30. April 2017 insgesamt 7.352 Flüchtlinge in Düsseldorf untergebracht. Derzeit kämen die Flüchtlinge hauptsächlich aus Syrien, aus dem Irak und Afghanistan sowie aus zentralafrikanischen Staaten wie Ghana und Guinea. Irak, Ghana und Guinea gehören zu den Ländern mit FGM-Prävalenz. Guinea ist eines der Länder mit der höchsten Verbreitung. Dort sind 99 Prozent der Frauen und Mädchen von FGM (Female Genital Mutilation) betroffen.

Der Verein Aktion Weißes Friedensband e.V. nimmt wie folgt Stellung:
Antwort:

Wir wissen relativ wenig über die Anzahl von Frauen, die betroffen und noch weniger von Mädchen, die bedroht sind. Das liegt natürlich sehr stark daran, dass die Mauer des Schweigens und der Tabus so dick ist. Darüber spricht "man" einfach nicht und die betroffenen Familien wissen meist nicht einmal, dass Frauen und Mädchen in Deutschland nicht beschnitten werden.
Ein weiterer Grund: Die Menschen, die mit den betroffenen Frauen und Mädchen in Berührung kommen, sei es in der Schule, in der Kita, in Arztpraxen oder in Krankenhäusern, wissen selten genug, um die Notsituation zu erkennen und entsprechend helfen zu können.

zu Frage 2:
Gesundheits- und Jugendamt:
Antwort:

Betroffene / bedrohte Mädchen können sich wie bei allen anderen Gewalt-, Bedrohungs- oder anderen Notsituationen an das Jugendamt wenden und beraten oder in Obhut genommen werden. In allen Bereichen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird dies den Fachkräften und damit auch betroffenen Jugendlichen immer wieder bekannt gemacht bzw. gehört dies zur Informationsarbeit des Jugendamtes auch in Kooperation mit anderen Bereichen.
Ähnlich wie die Beratungsdienste des Jugendamts sind auch die Fachbereiche des Gesundheitsamts, die mit möglicherweise von Genitalbeschneidung betroffen Mädchen und Frauen zu tun haben, für das Thema sensibilisiert und haben sich fortgebildet.
In Düsseldorf werden betroffene Mädchen bzw. Frauen vor allem durch den Verein „stop mutilation e.V.“ mit seinem umfangreichen und qualifizierten Angebot beraten. Daneben können sie unter anderen vor allem im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf, in der frauenberatungsstelle düsseldorf e.V., bei ProMädchen Mädchenhaus Düsseldorf e.V. und der Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte und Gewaltopfer des Gesundheitsamts Beratung und Unterstützung erhalten.
In Bezug auf Aufklärungs- und Informationsmaterialien wird auf die Broschüren bzw. Aufklärungsmaterialien des Vereins „stop mutilation e.V.“ bzw. des Bildungsportals KUTAIRI des Landes NRW zurückgegriffen. Die Materialien sind dort teilweise in Szenebildern, fast ohne Sprache, bzw. in den Sprachen Englisch, Französisch, Arabisch, Swahili und Somali erhältlich.

Der Verein stop mutilation e.V. nimmt wie folgt Stellung:
Antwort:

In Düsseldorf hat unser Verein stop mutilation e.V. die einzige Beratungsstelle zum Thema weibliche Genitalbeschneidung in Nordrhein-Westfalen. Seit 2005 beraten und begleiten wir betroffene Frauen und Mädchen bei gesundheitlichen, kulturellen und rechtlichen Problemen.
Im Jahr 2016 haben wir 1.048 Menschen beraten. Davon waren:
- 563 Frauen zwischen 18 und 55 Jahren,
- 135 Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren – darunter 45 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge,
- 260 Männer zwischen 18 und 50 Jahren,
- 90 Jungen zwischen 15 und 18 Jahren – darunter 35 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Unsere Klientinnen und Klienten stammten aus den Herkunftsländern: Ägypten, Äthiopien, Burkina Faso, Djibouti, Eritrea, Ghana, Guinea, Kenia, Nigeria, Sierra Leone, Somalia, Sudan und Süd-Sudan.
Die Beratungsstelle bietet Beratungen in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Somali, Amharisch, Tigrinya, Ewond, Wolof, Kisuaheli, Twi und Pidgin-English an.
Schwerpunkt der Beratungsarbeit ist die Einzelberatung für betroffene Frauen und Mädchen. Aber auch Männer, Jugendliche sowie Fachkräfte und Ehrenamtliche können sich beraten lassen. Einmal im Monat bieten wir eine medizinische Sprechstunde mit dem Gynäkologen Dr. med. Christoph Zerm an, der auch ärztliche Gutachten für Asylverfahren erstellt. Ein weiteres Angebot sind getrennte Gesprächsgruppen für betroffene Frauen, für Männer und für Jugendliche, in denen sie sich jeweils untereinander zum Thema weibliche Genitalbeschneidung austauschen, Fragen stellen, von ihren eigenen Erfahrungen berichten und gegenseitig unterstützen können. Zum Schutz bedrohter Mädchen machen wir Hausbesuche und begleiten die Familien intensiv.
Neben der Arbeit der Beratungsstelle leistet stop mutilation e.V. in Düsseldorf Aufklärung in Form von Vorträgen, Schulbesuchen und der Veranstaltung von Fachtagungen für bestimmte Berufsgruppen wie pädagogische Fachkräfte, Ärzte, Hebammen und Pflegekräfte, Polizei, Juristen und Behörden sowie Fachkräfte und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit.

Der Verein Aktion Weißes Friedensband e.V. nimmt wie folgt Stellung:
Antwort:

Es gibt nicht viele Städte, die so gute Aufklärungs- und Hilfsangebote haben wie Düsseldorf. Besonders zu erwähnen ist die Beratungsstelle von stop mutilation e.V., die auch zusammen mit Dr. med. Zerm eine medizinische Sprechstunde anbietet. Aber es gibt viele Institutionen wie das Psychosoziale Zentrum, dass sich auch um traumatisierte Frauen und Mädchen kümmert, ProMädchen Mädchenhaus Düsseldorf e.V., pro familia und die frauenberatungsstelle düsseldorf e.V., die jeweils in ihrem Bereich helfen.

zu Frage 3:
Gesundheits- und Jugendamt
Antwort:

Zu dieser konkreten Form von Misshandlung ist derzeit keine spezielle Öffentlichkeitsarbeit im Jugendamt vorgesehen. Die Information über Hilfen des Jugendamtes für Kinder und Jugendliche die von jeglicher Form von Gewalt bedroht oder betroffen sind ist eine Daueraufgabe.
Entsprechende Aktivitäten werden aktuell insbesondere durch den Verein „Aktion Weißes Friedensband e.V.“ durchgeführt. Ebenso wird die Thematik im Bereich der Fortbildung für Hebammen aktuell berücksichtigt. Darüber hinaus engagiert sich der Verein Aktion Weißes Friedensband e.V. für die Belange der von weiblicher Genitalbeschneidung Betroffenen im Sinne einer Sensibilisierung, Aufklärung potentieller Akteurinnen und Akteure der Hilfssysteme und Verbesserung der Versorgungsstrukturen durch die Organisation der Runden Tische in NRW und in Düsseldorf.

Der Verein stop mutilation e.V. nimmt wie folgt Stellung:
Antwort:

Aufgrund der Einzigartigkeit unserer Einrichtung und der gestiegenen Zahl an Betroffenen ist der Beratungsbedarf sehr hoch und wir haben eine große Nachfrage nach Beratungsterminen.
Wir würden gerne mehr Beratungen anbieten, aber dafür brauchen wir weitere Räume. Zurzeit haben wir nur einen Raum im Bürgerhaus Bilk (Salzmannbau) in Düsseldorf, den wir als Beratungsstelle und Büro nutzen. Von den drei Beraterinnen und zwei Beratern kann immer nur jeweils eine Beraterin oder ein Berater arbeiten. Wenn wir weitere Räume hätten, könnten gleichzeitig mehrere Beraterinnen und Berater parallel Beratungen durchführen.
Außerdem möchten wir das Angebot der medizinischen Sprechstunde erweitern. Deshalb möchten wir in einem der neuen Räume einen eigenen Untersuchungsraum einrichten, damit die medizinische Sprechstunde künftig mehrmals im Monat stattfinden kann und wir schneller und flexibler Termine anbieten können. Bisher können wir einmal im Monat kostenlos den gynäkologischen Untersuchungsraum von pro familia nutzen, der sich neben unserer Beratungsstelle befindet. Dafür müssen wir mit pro familia abstimmen, wann der Raum frei ist und zur Verfügung steht.

Der Verein Aktion Weißes Friedensband e.V. nimmt wie folgt Stellung:
Antwort:

FRIEDENSBAND hat im Auftrag des Gesundheitsministeriums NRW das Bildungsportal KUTAIRI entwickelt, wo viele Fortbildungsangebote wahrgenommen werden können. So kann in einem 20-Minuten-Exkurs ein erstes Kennenlernen und in 60-Minuten-Webinaren ein vertieftes Einarbeiten in das Thema stattfinden. Im Salzmannbau bieten wir mehrmals monatlich Workshops an und bieten unseren Besuch in Teambesprechungen von Institutionen an. So führen wir in den nächsten Wochen bei den Flüchtlingsberatungsteams von Caritas und DRK in Düsseldorf Workshops durch. www.kutairi.de
Weiterhin bemüht sich FRIEDENSBAND mit dem Runden Tisch Düsseldorf gegen Beschneidung von Mädchen das Umfeld zu sensibilisieren und gemeinsam mit allen Ämtern, Institutionen, Organisationen und Vertreter_nnen aus der Community Wege zur Verhinderung von weiblicher Genitalbeschneidung und Linderung der Leiden von betroffenen Frauen zu finden. Zurzeit arbeiten wir an einem Aktionsplan, der in knapper Form allen Kitas, Schulen und Institutionen eine Hilfe sein kann.
Es müsste in Kitas, Schulen, in Krankenhäusern und Arztpraxen viel stärker geworben werden, damit die jeweiligen Berufsgruppen Mädchenbeschneidung erkennen können.


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