Klagen über Arbeitsklima beim Ballett am Rhein

Rat

Persönliche Anfrage des Ratsmitglieds Sigrid Lehmann zur Sitzung des Rates am 28.05.2025 (RAT/166/2025):

Tänzer:innen des Hamburger Balletts erheben in einem offenen Brief schwere Vorwürfe gegen ihren Direktor. Die Zusammenarbeit sei geprägt von „schlechter Kommunikation, fehlender Transparenz“ und sogar von einer „oft abschätzigen Haltung“ seitens des Direktors. Einige dieser Tänzer:innen fühlen sich von diesem allein gelassen und trauten sich laut eigenen Angaben aus Angst vor Konsequenzen bislang nicht, offen über die Probleme zu sprechen. Mehrere Tänzer:innen kündigten aus diesen Gründen vorzeitig ihre Verträge. 36 Tänzer:innen haben sich zudem mit einem offenen Brief an den Hamburger Kultursenator gewandt, wo die Rede von einem „toxischen Arbeitsklima“ und „traumatischen Erfahrungen“ ist. Diese hätten sich „negativ auf ihr Selbstvertrauen, ihre Motivation und ihr allgemeines Wohlbefinden“ ausgewirkt.1

Daraufhin solidarisierten sich auch 17 jetzige und ehemalige Tänzer:innen des Düsseldorfer Balletts am Rhein und bekräftigten die Vorwürfe gegen den Direktor des Hamburger Balletts, der vier Jahre bis 2024 in gleicher Funktion auch in Düsseldorf tätig war. Auch bei ihnen hätte eine „Atmosphäre der Angst und Unsicherheit“ bestanden. Das Arbeitsklima sei so belastend gewesen, dass auch beim Ballett am Rhein langjährige Tänzer:innen vor dem Ende ihrer Verträge gekündigt hätten, was als ungewöhnlicher Vorgang in der Ballettszene gilt. Laut einer Tänzerin sei man bei Kritik vom besagten Direktor schlecht behandelt und nicht mehr besetzt worden. Die Hamburger Kulturbehörde habe von den Vorwürfen vorher keine Kenntnisse gehabt und von mehreren Seiten nur Empfehlungen für den Direktor erhalten.2

Die Deutsche Oper am Rhein bezieht sich in ihren Leitlinien (https://www.operamrhein.de/ueber-uns/leitbild/) auf den Code of Conduct (Wertebasierter Verhaltenskodex) des Deutschen Bühnenvereins. Darin steht u.a.: “Wir dulden keine Benachteiligungen aufgrund von nationaler oder ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, politischer Überzeugung, Behinderung, Alter, Familienstand, sexueller Identität oder Orientierung sowie sozialer Herkunft.” Dem wurde offenbar nicht gefolgt.

Es stellt sich die Frage, warum sich 17 Ballettt-Tänzer:innen jahrelang nicht trauten, Probleme mit ihrem ehemaligen Direktor und den Vorwurf der toxischen Arbeitskultur bei offiziellen Anlaufstellen innerhalb der Deutschen Oper am Rhein anzusprechen. Es braucht nach meiner Überzeugung dringend eine ernsthafte Aufarbeitung dieser Vorwürfe, um mögliche Betroffene zu unterstützen und Tänzer:innen in Zukunft vor einer toxischen Arbeitskultur zu schützen.

Ich frage an:
1. Welche Kenntnisse hatten die verantwortlichen Anlaufstellen der Deutschen Oper am Rhein und des Balletts am Rhein von den Vorwürfen gegen ihren ehemaligen Direktor?

2. Welche Schritte ergreifen die Stadtverwaltung und die Verantwortlichen, um die Vorwürfe gegen den ehemaligen Ballett-Direktor aufzuarbeiten?

3. Mit welchen neuen oder verbesserten Maßnahmen und Strukturen wollen die Stadtverwaltung und die Verantwortlichen in Zukunft den Wertebasierten Verhaltenskodex des Deutschen Bühnenvereins umsetzen?

Mit freundlichen Grüßen
Sigrid Lehmann

1https://rp-online.de/kultur/ballett-krise-weitet-sich-aus-taenzer-der-rheinoper-bestaetigen-vorwuerfe- gegen-volpi_aid-127312091
2 https://www.ndr.de/kultur/buehne/aktuell/Vorwuerfe-gegen-Volpi-Krise-beim-Hamburg-Ballett-weitet-sich-aus,hamburgballett144.html

 

Antwort der Verwaltung durch die Beigeordnete Koch:

Antwort zu Frage1:
Die Personalhoheit sowie der Verantwortung zu betrieblichen Abläufen liegt bei der Deutschen Oper am Rhein direkt. Da die Oper keine Kenntnis hatte, hatte auch die Stadtverwaltung keine Kenntnis von Probleme beim Arbeitsklima.

Die Theaterleitung hatte während der Ballettdirektion von Demis Volpi keine Kenntnis von etwaigem strukturellem Machtmissbrauch bzw. einer „toxischen Arbeitskultur“. Diese Einschätzung wurde durch eine interne Prüfung, die unmittelbar nach Publikation des Briefes erfolgte, bestätigt. Hinweise auf ein strukturelles Problem haben sich auch im Rückblick nicht ergeben.

Weiterhin wurde die Leitung der Deutschen Oper am Rhein wurde von dem Brief an den Hamburger Kultursenator, den 17 ehemalige und derzeitige Tänzerinnen und Tänzer des Ballett am Rhein anonym unterzeichnet haben, überrascht. Die Autor*innen haben das Schreiben weder der Deutschen Oper am Rhein noch dem Ballett am Rhein zukommen lassen. Es ist nicht bekannt, wie hoch der Anteil der ehemaligen und der Anteil der derzeitigen Tänzer*innen des BAR unter den Unterzeichnenden ist. Da der Deutschen Oper am Rhein keine Kenntnisse vorlagen, lagen solche bei der Verwaltung ebenfalls nicht vor.

Antwort zu Frage 2:
Die Verwaltung und die Leitung der Deutschen Oper am Rhein stehen im stetigen Austausch. Die Theaterleitung hat die Beigeordnete für Kultur und Integration über die Ergebnisse der internen Überprüfung umgehend informiert. Da sich keine Hinweise auf ein strukturelles Problem bzw. eine „toxische Arbeitskultur“ ergeben haben, ergibt sich kein Ansatzpunkt für das Aufsetzen eines Verfahrens zur Aufarbeitung.

Antwort zu Frage 3:
Die Leitung der Deutschen Oper am Rhein wie auch die neue Ballettdirektion kommunizieren kontinuierlich die bekannten Meldewege für Hinweise auf Fälle von Machtmissbrauch und Diskriminierung: Ensemblesprecher*innen, Betriebsrat und/oder eine Vertrauensperson in der Personalabteilung nehmen solche Hinweise auf Wunsch vertraulich entgegen und thematisieren sie gegenüber der Leitung. Die Mitarbeitenden werden ausdrücklich ermutigt, von diesem Angebot Gebrauch zu machen, wenn sie sich in einer Situation sehen, in der sie Unterstützung benötigen.

Unabhängig davon hat die Deutsche Oper am Rhein in einem partizipativen Prozess, zu dem alle Mitarbeiter*innen des Hauses eingeladen waren, ein gemeinsames Leitbild entwickelt, s. operamrhein.de/ueber-uns/leitbild

Im Zuge des Leitbildprozesses haben sich zahlreiche Ideen und Initiativen ergeben, die zu konkreten internen Maßnahmen zur Förderung der internen Kommunikation und des Miteinanders und zur Umsetzung des Wertebasierten Verhaltenskodex des Deutschen Bühnenvereins geführt haben. Als ein erstes Maßnahmenpaket wurde ein umfangreiches Fortbildungsangebot für Führungskräfte zu Themen wie Kommunikation, Meetingkultur, Feedback etc. aufgelegt, dessen Teilnahme verpflichtend ist.